EL CIMARRÓN

Rezital von Hans Werner Henze für vier Musiker

Sonntag | 20 | 12 | 2026
Beginn: 18:00 Uhr
Musikhochschule Münster
Ludgeriplatz 1
48151 Münster
Eintritt: 15 € / 12 erm.
VVK: tickets@henze100.de



Der geflohene Sklave Estéban Montejo erzählt eindringlich aus seiner Biographie. Der Text stammt aus dem Buch von Miguel Barnet, übersetzt und für Musik eingerichtet wurde er von Hans Magnus Enzensberger.

BESETZUNG:

El Cimarrón Ensemble




EINFÜHRUNG:

Wie schreibt man politische Musik, ohne in die musikalischen Formen des politischen Liedes zurückzufallen? Diese Frage stand am Anfang von Hans Werner Henzes El Cimarrón. Biografie des geflohenen Sklaven Esteban Montejo, das 1969/70 entstand. Der Anstoß kam von Hans Magnus Enzensberger, mit dem Henze über die Möglichkeiten gesprochen hatte, „politische Songs zu schreiben mit Mitteln, die über das von Eisler, Weill und Dessau Erreichte hinausgehen oder die es umgehen könnten“.

Enzensberger erzählte ihm von der Lebensgeschichte Esteban Montejos, eines auf Kuba geborenen ehemaligen Sklaven, der noch im hohen Alter von seinem Leben berichtet hatte. Montejo war als junger Mann aus der Sklaverei geflohen und hatte jahrelang als Cimarrón, als Entflohener, in den Wäldern gelebt. Seine Erinnerungen wurden von dem kubanischen Schriftsteller Miguel Barnet aufgezeichnet und 1966 unter dem Titel Biografía de un cimarrón veröffentlicht. Barnet verband dabei die persönliche Lebensgeschichte Montejos mit der politischen und gesellschaftlichen Geschichte Kubas und begründete mit dieser Form des „testimonio“ eine Literatur, in der die Stimme eines Zeitzeugen selbst zum literarischen Dokument wird. Für Henze wurde dieses Buch zum Ausgangspunkt eines Werkes, das sich zwischen Konzert, Musiktheater und politischer Erzählung bewegt.

Zunächst dachte Henze an einen Zyklus von Songs. Doch die Arbeit nahm eine andere Richtung. „Der ‚Cimarrón‘ ist aber dann doch kein Zyklus von Songs geworden und auch nicht als ein solcher gedacht gewesen“, erklärte er später, „sondern eher eine Einübung in eine neue Art des Konzertierens.“

Diese „neue Art des Konzertierens“ bestimmt die gesamte Anlage des Werkes. Vier Ausführende – Bariton, Flöte, Gitarre und Schlagzeug bzw. Perkussion – werden zu Erzählern, Musikern und Darstellern. Sprache, Musik, Bewegung und Geräusch gehen ineinander über. Die Instrumente begleiten die Erzählung nicht lediglich, sondern kommentieren und erweitern sie; die Perkussion kann ebenso zum Träger kubanischer Rhythmen wie zum Erzeuger von Geräusch und Atmosphäre werden. Das Konzert wird zur szenischen Handlung.

Auch musikalisch verweigert Henze eine eindeutige Zuordnung. Lateinamerikanische Rhythmen und Klangvorstellungen treffen auf Jazz, europäische Kunstmusik und Elemente des Musiktheaters. Dabei geht es ihm nicht um eine bloße musikalische Illustration Kubas. Die verschiedenen musikalischen Sprachen werden zu einem Material, aus dem sich Montejos Geschichte immer wieder neu formt.

Im Zentrum steht die Stimme des Erzählers. Montejos Lebensgeschichte erscheint nicht als historische Abhandlung, sondern als Erinnerung, die im Augenblick des Konzerts neu entsteht: von der Kindheit in der Sklaverei über die Flucht in die Wälder bis zu den Erfahrungen von Gewalt, Arbeit und Freiheit. Persönliche Erinnerung und politische Geschichte sind untrennbar miteinander verbunden.

Henze suchte damit eine Form politischer Musik, die nicht auf Botschaft und Agitation reduziert werden sollte. Das Politische entsteht vielmehr aus der Verbindung von Biografie, Sprache, Klang und szenischer Handlung. El Cimarrón erzählt die Geschichte eines Menschen, der sich der ihm zugedachten Rolle entzieht – und entwickelt daraus eine Musik, die selbst ständig ihre Grenzen überschreitet.

Eine besondere Nähe zum Werk hat das El Cimarrón Ensemble, das sich 1999 in Hallein eigens zur Einstudierung von Henzes Stück zusammenfand und seinen Namen von ihm übernahm. Im selben Jahr arbeitete das Ensemble mehrere Stunden mit Henze selbst an der Komposition. Bei einer späteren Probe erlebte der Komponist die szenische Einrichtung von Michael Kerstan und zeigte sich besonders beeindruckt von der Energie, dem künstlerischen Elan und dem menschlichen Engagement der Ausführenden.

Diese unmittelbare Verbindung zum Komponisten prägt die Aufführungstradition des Ensembles. El Cimarrón wird nicht allein als musikalische Partitur verstanden, sondern als das, was Henze selbst eine „neue Art des Konzertierens“ nannte: eine Verbindung von Musik, Sprache, Spiel und szenischer Aktion. Die Aufführung bleibt dabei kammermusikalisch unmittelbar – vier Musiker genügen, um aus der Erinnerung eines einzelnen Menschen eine ganze Welt entstehen zu lassen.